Buchcover Das Grand Hotel Meereskrone – Unruhige Gezeiten von Christel Netuschil
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Historischer Roman an der Ostsee
über Mut und Menschlichkeit im Zweiten Weltkrieg

Das Grand Hotel Meereskrone

Unruhige Gezeiten

Eine junge Frau, ein verborgenes Schicksal und der Mut, in dunklen Zeiten menschlich zu bleiben. Der bewegende zweite Band der historischen Familiensaga um das Grand Hotel Meereskrone.

Als Taschenbuch & eBook Band 2 der Meereskrone-Saga
3D-Buchansicht von Das Grand Hotel Meereskrone – Unruhige Gezeiten
Historischer Roman an der Ostseeküste
· Band 2 · ISBN 978-3-69090-437-7

Über das Buch

Unruhige Gezeiten

Ein atmosphärischer historischer Roman über Liebe, Mut und Menschlichkeit in einer Welt, die zu zerbrechen droht. Vor der eindrucksvollen Kulisse der Ostsee erzählt er von Hoffnung und Angst, Freundschaft, Verrat und verbotenen Gefühlen sowie vom Kampf für das Richtige in den dunklen Jahren des Zweiten Weltkriegs.

Seeglingen, 1943: Das Grand Hotel Meereskrone hoch über der Ostsee ist längst kein Ort unbeschwerter Sommerfrische mehr. Verwundete Soldaten belegen die einstigen Gästezimmer, Flüchtlinge suchen Schutz vor den Bomben, und Charlotte Kent hält den Alltag im Lazarett mit aller Kraft zusammen.

Als sie sich einer Jüdin annimmt, deren Leben in größter Gefahr schwebt, trifft sie eine folgenschwere Entscheidung. Sie versteckt die junge Frau im einstigen Weinkeller des Hotels.

Gleichzeitig kümmert sie sich um einen verletzten Offizier der Wehrmacht, der ihr Bedürfnis, um jeden Preis stark zu bleiben, befeuert. Doch hinter Uniform und Rang begegnet sie einem Mann, der sie tiefer berührt, als ihr lieb ist – zum einen, weil er sich einer Ideologie verschrieben hat, die allem widerspricht, woran Charlotte glaubt, zum anderen, weil Anton, ihr Freund aus Kindertagen, längst einen Platz in ihrem Herzen hat.

Als der Winter über Seeglingen hereinbricht, muss Charlotte entscheiden, wem sie vertrauen kann – und wie weit sie zu gehen bereit ist, um ein Menschenleben zu retten.

Ein Muss für alle, die Familiengeschichten mit starken Frauencharakteren, Spannung und Drama lieben.

Eine starke weibliche
Hauptfigur im Mittelpunkt
Ostseeküste und Grand Hotel
im Jahr 1943
Der zweite Band der
Meereskrone-Familiensaga
Mut, Menschlichkeit,
Vertrauen und verbotene Gefühle
„Ich meine nur, dass Regeln nicht immer alles erfassen. Es gibt Situationen, in denen Menschlichkeit schwerer wiegt als alles, was klug und vorsichtig scheint oder erlaubt ist.“

Aus „Unruhige Gezeiten“

Leseprobe

Tauche ein in die Geschichte

Ein Auszug aus dem ersten Kapitel. Lass dich erneut in die Welt des Grand Hotels Meereskrone hineinziehen.

Kapitel 1

Seeglingen, Sommer 1943

Als Charlotte Kent die Veranda hinter sich gelassen hatte, um die ersten Stufen der Treppe hinunter ins Dorf zu nehmen, war ihr, als verblasste für einen Augenblick alles, das sie dieser Tage mit der Meereskrone verband. Jeder Klagelaut verstummte, die schmerzverzerrten Gesichter lösten sich auf, und sämtliche Nöte traten vorübergehend in den Hintergrund.
Das Haus hoch auf der Steilküste über der Ostsee war eben längst nicht mehr jenes Hotel, welches in den letzten vier Jahrzehnten unter der Führung ihrer Familie so viel Ansehen und Erfolg erlangt hatte, dass es bis über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden war. Im Grunde genommen war es inzwischen gar kein Hotel mehr – eine Tatsache, die Charlotte beinahe täglich schmerzte, wenn sie die Räume durchschritt, in denen unter anderen Umständen Kurgäste behandelt würden und Sommerfrischler ihren Urlaub genießen sollten.
Kurz nach Kriegsbeginn waren mehr als zwei Drittel der Zimmerkapazitäten als Lazarett für verletzte Soldaten der Wehrmacht ausgewiesen worden, Betten dicht an dicht oder sogar übereinandergestapelt. Der verbliebene Teil galt Menschen ohne Obdach und Evakuierten. Vor allem Frauen, mit oder ohne Kinder, wurden bevorzugt zugeführt, ebenso betagte Leute, die keine Angehörigen mehr hatten, die sich ihrer hätten annehmen können.
Als Krankenschwester und mit gerade mal neunzehn Jahren hatte Charlotte gelernt, dem Schicksal ins Auge zu sehen, wenn kein Weg daran vorbeiführte. Sie gab sich Mühe, hinzunehmen, dass die Meereskrone schwerer atmete als früher, durchsetzt vom Geruch nach scharfer Seife, alten Verbänden und dem Angstschweiß der Menschen, denen alles genommen worden war. Meist gelang es ihr sogar. Nur manchmal, wenn der Wind vom Meer durch die Kiefern der Steilküste strich und in Charlotte die Erinnerung an den Duft gestärkter Tischdecken und frisch aufgebrühten Kaffees weckte, schnürte es ihr für einen Herzschlag die Brust zu.
Eine wohltuende Böe in ihrem schulterlangen dunklen Haar, die salzige Luft in der Nase, atmete Charlotte tief ein und aus. Sie lauschte den Vogelstimmen von Silbermöwen, Spatzen und Schwalben, verlor sich in ihren Rufen und Gesängen, verfolgte ihren gleichmäßigen Flug ebenso wie ihre leichtfüßige Akrobatik, wenn sie von Ast zu Ast sprangen. Wie sehr sie darauf vertrauten, dass jeder Zweig, auf dem sie landeten, ihr Gewicht trug, und wie schnell sie reagierten, wenn etwas sie aufschreckte, ließ Charlotte immer wieder staunen. Fast verspürte sie einen Stich des Neides, ignorierte die Regung aber sogleich und ließ ihren Blick über das Dorf schweifen, welches zu ihren Füßen lag. Mit seinen Straßen und Gässchen mutete es wie ein feines Adergeflecht an, das sie schon immer mit allem versorgt hatte, was sie zum Glücklichsein brauchte. Zwar pulsierte das Leben mit deutlich weniger Energie hindurch, doch erweckte Seeglingen – jedenfalls von oben und mit einem Hauch von Wohlwollen betrachtet – immer noch den Eindruck des friedlichen Fischerörtchens, das es von jeher gewesen war.
Die reetgedeckten Häuser mit ihren angrenzenden Gärten, in denen Obst und Gemüse mit bunten Blumen konkurrierten. Die Kirche am Marktplatz, deren Glockengeläut bis hinauf aufs Plateau der Steilküste schallte und den Menschen das Gefühl vermittelte, dass es Dinge gab, die sich hoffentlich nie ändern würden. Die Kinder, welche aus der Schule eilten; die meisten von ihnen trotz der widrigen Umstände lachend und tobend, um auf dem Heimweg Nachlaufen oder Verstecken zu spielen. Das alles wirkte beschaulich, beinahe idyllisch; der Alltag an der Ostsee schien ebenso in sich zu ruhen wie das Gemüt der Küstenbewohner, deren Uhren für gewöhnlich einen Tick gemächlicher liefen als die der Städter.
Doch der Schein trog.
Charlottes Finger krümmten sich um den eisernen Handlauf. Sie wusste, es war an der Zeit, wieder in die nötige Habachtstellung zurückzukehren, durch die das Leben seit Jahren charakterisiert war. Immerhin hatte sie sich nicht aufgemacht, um den sonnigen Nachmittag zu genießen, bestenfalls mit einem Spaziergang an der Wasserkante entlang und dem Geschmack frischer Buttermilch auf ihren Lippen.
Natürlich wünschte sich ein Teil von ihr, sie könnte sich im Licht jener Erinnerungen sonnen, die sie in ihrer Kindheit und frühen Jugend hatte sammeln dürfen. Die Erlebnisse, welche sie geformt und dafür Sorge getragen hatten, dass sie Seeglingen und die Meereskrone als Heimat ihres Herzens verstand. Doch so sehr sie sich in ihrem tiefsten Inneren danach sehnte, beim ersten Wimpernschlag eines neuen Morgens nichts als Freude in ihrem Inneren zu verspüren, so war ihr schmerzlich bewusst, dass sie Teil einer Realität war, die für Wunschdenken keinen Raum ließ.
Sich zur Räson rufend, setzte Charlotte ihren Weg hinunter ins Dorf fort. Das Empfinden von Grenzenlosigkeit, das sie für ein paar Minuten hatte aufatmen lassen, wich der bleiernen Schwere, die sich sofort wieder auf ihrer Brust niederließ, als habe sie nur darauf gewartet, sie mit gewohnter Intensität in die Knie zu zwingen, jeden wohltuenden Gedanken in seine Schranken verweisend.
Als Charlotte wenig später auf die Bergstraße trat, fiel ihr Blick unwillkürlich auf das Eckhaus zu ihrer Linken, in dessen Fenster eine graue Katze hockte. Reglos, mit halb geschlossenen Augen schien das Tier zwar seine Umgebung wahrzunehmen, schenkte Charlotte jedoch kaum Beachtung. Wahrscheinlich wartete es wie seine Artgenossen, von denen mindestens drei durch den Vorgarten huschten, auf ein Schälchen stark verdünnter Milch oder ein paar Fischreste, die die alte Frau Claßen ihnen hinstellte, obwohl sie sie selbst kaum entbehren konnte. Seit Jahren schon kümmerte sie sich um herrenlose Katzen, teilte mit ihnen, was immer bei ihr auf den Tisch kam, und nichts hielt sie davon ab, das stille Vertrauen der Tiere zu enttäuschen. Sie machte weiter, hielt fest an den wenigen Routinen, die noch Bestand für sie hatten und erfreute sich an der Dankbarkeit, die die Kätzchen ihr entgegenbrachten, indem sie sich auf ihrem Schoß zusammenrollten und schnurrten.
„Moin, Fräulein Kent“, begrüßte Georg Treske, einer der alteingesessenen Dorfbewohner, Charlotte, stieg von seinem klapprigen Fahrrad ab und blieb neben ihr stehen. „Willst wohl ein bisschen frische Luft schnappen, was? Ich komme gerade vom Strand. Das Wasser ist schön kühl und es weht eine angenehme Brise.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Leider nein“, antwortete sie im Versuch, sich des letzten Males zu entsinnen, da sie ihre Freizeit damit verbracht hatte, von der Promenade aus das Spiel der Wellen zu beobachten, geschweige denn im Sand zu sitzen, mit nichts als Leichtigkeit im Herzen. Es war lange her, so viel stand fest.
„Anton erwartet mich mit einer Lieferung fürs Hotel. Es gibt Hering.“
Treske verzog kaum merklich den Mund. „In rauen Mengen, nehme ich an.“
„Sie wissen ja, wie es läuft“, antwortete Charlotte und zuckte mit den Schultern. „Für die Verwundeten wird alles möglich gemacht.“
Der Mann rückte seine Schirmmütze zurecht, sah die Straße hinauf und hoch zur Steilküste.
„Jaja“, brummte er, „die bekommen, was sie brauchen, während unsereins zusehen kann, wie er überlebt. Wenn Anton oder sein Vater zu bestimmen hätten, wie es aufgeteilt wird, sähe es anders aus, nicht wahr?“
Charlotte erwiderte nichts. Obwohl sie um die Ungerechtigkeit wusste, sogar gezwungen war, ihr tagtäglich in ihr hässliches Antlitz zu schauen, war sie außerstande, etwas an dieser Situation zu verändern. Niemand, weder sie noch ein anderer Mitarbeiter der Meereskrone, war befugt, darauf Einfluss zu nehmen, ganz gleich, wie sehr sie es sich manchmal wünschten, egal, wie alles verzehrend der Hunger ihnen unten im Dorf begegnete.
Das Lazarett genoss Vorrang, was unter anderem bedeutete, dass für die Soldaten der Wehrmacht Lebensmittelmengen festgelegt wurden, von denen die Einheimischen nur zu träumen wagten. Es war ein unumstößliches Gesetz, eine Tatsache, und es nutzte nichts, sich in Diskussionen darüber zu verlieren. Ganz im Gegenteil.
„Machen Sie sich noch einen schönen Tag, Herr Treske“, sagte Charlotte, bemüht um einen nicht allzu resignierten Tonfall, und hob zum Abschied die Hand. „Passen Sie gut auf sich auf.“
Als Charlotte die Tür von Lorenz’ Fischhandel aufstieß, kündigte ein metallenes Glöckchen ihr Eintreten an. Sein Klang wirkte weder hell noch einladend, sondern fast so, als hütete es sich davor, ein Gefühl von Unbeschwertheit hervorzurufen, wo doch nichts und niemand im Raum entsprechend darauf reagieren würde.
„Tag, Herr Lorenz“, sagte Charlotte mit einem Blick zu dem Mann, der hinter der Theke stand, und seiner Kundin, Frau Kämmerer, die gerade einen hoffnungslosen Blick in die Auslage warf. Genau dorthin, wo eigentlich Hering lagern sollte, zurzeit aber mit Ausnahme von ein paar Blechdosen, einem Eimer mit Eisklumpen und zwei Flundern, die so dicht beieinanderlagen, als wollten sie sich gegenseitig wärmen, gähnende Leere herrschte.
„Gibt es irgendwann heute noch neue? Hier steht, dass ich Hering bekommen soll“, hörte Charlotte die Frau drängen, während sie ihre Rationierungskarte auf die Ablage schob und mit dem Zeigefinger die Buchstaben einer Zeile nachfuhr. „Die Kinder mögen Hering“, fügte sie in einem verzweifelten Ton hinzu.
Herr Lorenz seufzte leise. Er wusste genau wie Charlotte, dass es Frau Kämmerer nicht um den Fisch ging, sondern vielmehr darum, ihre Pfannen und Töpfe mit irgendetwas füllen zu können, den restlichen Tag zu überstehen, den nächsten nicht allzu sehr fürchten zu müssen.
„Ich seh schon, was draufsteht“, sagte er und blickte kurz auf, um Charlotte zuzunicken. „Aber, Frau Kämmerer, nur weil es auf der Karte steht, heißt das noch lange nicht, dass ich es auch da hab. Sie sehen es ja selbst, viel ist das nicht.“ Er zeigte auf die Auslagen und zuckte mit den Schultern.
Frau Kämmerer griff sich an die Stirn, ihre Augen schimmernd. „Und was soll ich jetzt tun?“
Charlotte lenkte ihren Blick auf den Korb, den die Frau so fest umklammert hielt, als hinge ihr Leben daran. Sie konzentrierte sich auf das Geflecht aus Weidenruten, fuhr das Muster nach, blieb hier und da an aufgesplitterten Enden hängen und tat ihr Möglichstes, um nicht daran zu denken, dass Anton eine große Ladung Heringe für sie beiseitegelegt hatte, die wahrscheinlich hinter dem Verkaufsraum auf ihre Abholung wartete.
Herr Lorenz griff unter die Theke und reichte Frau Kämmerer ein geschnürtes Päckchen.
„Es ist nicht viel“, sagte er und schob ihr die Rationierungskarte gleich wieder hin, ohne etwas abzustreichen. „Ein paar Köpfe und Gräten. Für eine Suppe wird es wohl noch reichen.“
„Danke“, flüsterte die Frau und verstaute das Bündel in ihrem Korb. „Gott wird es Ihnen vergelten.“
Herr Lorenz wartete, bis sie den Laden verlassen hatte, wischte mit einem nassen Lappen über die Theke, obwohl sich weder Krümel noch Fischreste darauf fanden, und wandte sich dann mit einem Räuspern Charlotte zu.
„Danke, dass du dich geduldet hast.“
„Aber natürlich“, gab sie zurück, schaute über ihre Schulter, um sich zu vergewissern, dass nicht bereits der nächste Kunde im Anmarsch war, dessen Blick sie gezwungen hätte, die für sie reservierte Ware vor ihrem schlechten Gewissen zu rechtfertigen. Doch niemand machte Anstalten, den Laden zu betreten.
„Ist Anton draußen?“ Sie wusste, dass ihr bester Freund eher selten den ganzen Vormittag im Verkaufsraum verbrachte, sondern meist unterwegs war, um Handelsgut abzuholen oder auszufahren. Seit das Herzleiden seines Vaters diesen immer öfter nach Luft ringen ließ und er die schweren Arbeiten im Laden nicht mehr allein bewältigen konnte, galt Anton für die Versorgung des Dorfes und der Meereskrone als unabkömmlich. Nur deshalb war er nicht eingezogen worden. Vorerst zumindest, denn wer heute noch verschont wurde, konnte bereits morgen einen Stellungsbefehl in den Händen halten.
Herr Lorenz lächelte. „Warte, ich sag ihm eben Bescheid, dass du da bist. Er liegt hinten noch unterm Laster und kriegt ihn nicht richtig zum Laufen. Wäre eine Schande, wenn er damit zur Werkstatt muss; das kostet ja jedes Mal ein halbes Vermögen.“ Damit verschwand der Mann durch eine Schiebetür in die kleine Küche, aus der die Klänge eines im Radio abgespielten Tanzstückes an Charlottes Ohren tönten. Ein gleichbleibender Rhythmus, die anmutige Stimme einer Sängerin, schwappte in den Laden und sorgte für ein bisschen Ablenkung, sodass Charlottes rechter Fuß, ohne dass sie es gewollt hätte, im Takt auf den Boden tippte. Sie sah hinaus durch das Fenster auf die Bergstraße, nahm Bewegung an den Tischen wahr, die direkt vor dem Gasthaus Anker aufgestellt waren, und entdeckte einen Fremden, der sich mit dem Wirt unterhielt. Charlotte reckte für einen Moment den Hals.
Sollte dies wirklich ein Urlauber sein? Jemand von außerhalb, der sich von einem Aufenthalt am Meer ein bisschen Zerstreuung, vielleicht sogar Erholung erhoffte? Doch bevor sich der Gedanke festigen konnte, löste er sich bereits in Luft auf. Sommerfrischler, Kur- oder Badegäste hatte Seeglingen so lange nicht mehr gesehen, dass Charlotte schon fast vergessen hatte, wie selbstverständlich sie einst zum Bild des Ortes gehört hatten.
In diesem Moment trat Anton in den Verkaufsraum, auf seinem Arm eine Holzkiste balancierend, die randvoll gefüllt war. Das Packpapier, in dem der Fisch eingerollt war, zeigte bereits feuchte Stellen, und der Geruch von frischem Hering, salzig und leicht metallisch, breitete sich sofort aus.
„Du bist schon da“, richtete Anton das Wort an Charlotte, während er die Kiste behutsam auf der Theke absetzte und sich seine Hände danach an der Schürze abwischte, die seinen schmalen Leib umschloss. „Ich hatte noch gar nicht mit dir gerechnet.“ Sein Lächeln war unverkennbar und hob nicht nur seine Mundwinkel, sondern brachte sein gesamtes Gesicht zum Leuchten, ließ ihn immer noch aussehen wie den kleinen Jungen, den Charlotte in ihrer frühesten Kindheit kennengelernt hatte. Damals hatte sie mit ihren Eltern am Rand von Seeglingen gewohnt, wo sie mit Anton, kaum ein Jahr älter als sie, dieselbe kleine Schule besuchte. Die meisten ihrer Nachmittage hatten sie am Strand verbracht, egal bei welchem Wetter, mit Sand in den Schuhen und vom Wind zerzausten Haaren, während sie im Spülsaum nach Bernstein suchten oder Treibholz sammelten.
„Ich war ein paar Minuten eher mit den Verbandswechseln fertig“, gab Charlotte zurück und ließ sich von Anton an sich drücken, ganz selbstverständlich, wie sie es immer schon getan hatten. Dann schob er sie nur Zentimeter von sich, seine linke Hand immer noch an ihrer Taille. „Dein ganzes Gesicht schimmert.“ Prüfend sah er sie an, hob dann die andere Hand und strich mit der Kuppe seines Zeigefingers über ihre Wange. „Als hättest du in Blütenstaub gebadet“, murmelte er.
Charlottes Haut prickelte angenehm unter seiner Berührung, von der sie nicht wusste, ob er sie absichtlich langsam ausführte oder nur besonders gründlich vorging. Warum sie diese Momente der Nähe in letzter Zeit eine Nuance verändert wahrnahm, ließ sich nicht klar benennen, denn so vertraut ihr Antons Gegenwart war, verbarg sich in ihr etwas, das über alles hinausging, was sie bislang zwischen ihnen gekannt hatte. Sie konnte nicht einmal behaupten, dass ihr dieser Gedanke missfiel. Im Gegenteil. Aber gerade weil er sich nicht falsch anfühlte, sondern auf eine Weise richtig, die sie durcheinanderbrachte, erschien es ihr umso notwendiger, ihn nicht weiterzuverfolgen.
Nicht jetzt.
Unwillkürlich erinnerte sie sich an eine Situation, die einige Wochen zurücklag. Anton hatte sich mit ihr in der Bibliothek der Meereskrone aufgehalten, einem weitläufigen Raum, der als einer der wenigen nicht der Umfunktionierung zu einem Kranken- oder Behandlungszimmer zum Opfer gefallen war.
„Ich könnte dir behilflich sein“, hatte er vorgeschlagen, als sie sich auf den Sprossen der Leiter auf die Zehenspitzen stellte und sich weit nach oben reckte, um im höchsten Regal die alten Bildbände zu erreichen.
„Wobei denn?“, hatte sie geantwortet und ihm einen flüchtigen Blick zugeworfen. „Denkst du etwa, ich schaff das nicht allein?“
Anton hatte leise gelacht. „Doch, das schon. Aber ein bisschen Hilfe schadet ja nicht.“
Endlich war es ihr gelungen, den dicken Schmöker über Südamerika hervorzuziehen, den sich einer ihrer Patienten so gerne anschauen wollte, doch das Gewicht des Buches hatte sie deutlich unterschätzt. Sie versuchte noch, ihr Gleichgewicht wiederzufinden, als sie das Ding mit beiden Händen balancierte, aber die Schwerkraft forderte ihren Tribut, sodass Charlotte nicht nur den Bildband fallen ließ, sondern auch selbst von der obersten Sprosse der Leiter rutschte.
Alles war im Bruchteil einer Sekunde geschehen, und sie war fest davon ausgegangen, auf den Boden aufzuschlagen, aber dann hatte sie sich in Antons Armen wiedergefunden.
„Hab ich dich!“, rief er, während sich seine Arme um ihren Körper schlossen.
Im ersten Augenblick hatte Charlotte einfach nur aufgeatmet, im nächsten war ihrer Kehle ein befreiendes Lachen entstiegen, in das Anton eingestimmt hatte, der Griff seiner Hände so fest und doch so sanft, als liefe sie immer noch Gefahr, sich demnächst den Kopf auf den harten Dielen anzustoßen. Und dann … dann war Charlotte die Situation plötzlich höchst unangenehm gewesen.
Anton hatte die Röte, die ihr übers Dekolleté ins Gesicht gekrochen war, zweifelsfrei bemerkt, sie hatte es an seinem irritierten Blick gesehen. Doch er hatte sich bemüht, so zu tun, als habe er keine Notiz davon genommen, war darüber hinweggegangen und hatte auch anschließend nicht nachgefragt, als sie sich beschämt aus seinen Armen gewunden und fortgedreht hatte, um den Bildband aufzuheben.
Das leichte Zittern seiner Finger hatte sie dennoch registriert.
„Schön, dich zu sehen“, sagte er jetzt und presste seine Wange erneut an ihre. Seine Bartstoppeln kratzten ein wenig; die dunkelblonden Strähnen, von denen einzelne im Licht des Sommers heller leuchteten als andere, kitzelten an ihrer Halsschlagader. Fast hätte sie eine Hand angehoben, um Anton in seinen dichten Schopf zu packen, denn wie immer standen seine Haare in sämtliche Richtungen ab, folgten jeder Böe, die durch sie hindurchfuhr, kräuselten sich in der feuchten Seeluft und dufteten herrlich nach Beständigkeit.
Charlotte hielt gedanklich inne, aber ihr fiel kein anderer Begriff ein, der auszudrücken vermochte, welche seiner ganz eigenen Aromen ihre Sinne vereinnahmen wollte.
Sie löste sich einen Herzschlag früher aus seiner Umarmung, als nötig gewesen wäre, trat zwei Schritte zur Seite, um die Holzkiste zu inspizieren, und schüttelte die aufkeimenden Empfindungen von sich ab wie einen Schwarm Mücken, der sie zu verfolgen suchte.
„Und du denkst, dass das für die kommende Woche ausreicht?“ Charlotte schob das Packpapier beiseite, um ihren Blick über die Heringe wandern zu lassen. Silbrig glänzend, an einem Stück und grob gesalzen.
„Muss es“, gab Anton schulterzuckend zurück. „Der Rest geht wie üblich per Eisenbahn und Schiff auf die Reise.“
Charlotte nickte. Die Betriebe Seeglingens unterstanden den strengen Abgabepflichten, die vor allem den Bedarf der Wehrmacht bedienten; sie verteilten die Mengen, die verlangt wurden, wobei die Dorfbewohner mit dem zurechtkommen mussten, was am Ende übrigblieb.
Und das war nie genug.
„Ich weiß“, sagte Charlotte und schlug das Papier wieder über den Fisch. „Ich frage mich immer, was -“
Das Radio aus der Küche knackte laut, die Musik brach mitten in der Strophe ab, als hätte jemand das Gerät ausgeschaltet. Für einen Augenblick war nur Rauschen zu hören, bevor sich eine Stimme meldete, nüchtern im Ton und doch von einem unterschwelligen Schaudern durchzogen, das Charlotte in Mark und Bein fuhr.
Achtung, Achtung, wir bringen eine Sondermeldung. In der vergangenen Nacht haben feindliche Bomberverbände erneut schwere Luftangriffe auf das Stadtgebiet von Hamburg geflogen. Trotz des entschlossenen Einsatzes unserer Luftabwehr kam es in mehreren Stadtteilen zu erheblichen Schäden an Wohn- und Industrieanlagen. Die Aufräumarbeiten haben unverzüglich begonnen, Hilfs- und Rettungskräfte sind im Einsatz, die Bevölkerung wird aufgefordert, Ruhe zu bewahren und den Anweisungen der zuständigen Stellen Folge zu leisten. Weitere Meldungen folgen in Kürze.
Anton stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Wann hört das endlich auf?“
Charlotte reagierte nicht gleich. Natürlich war Antons Frage berechtigt, obschon niemand darauf eine befriedigende Antwort wusste und sie sich deshalb erübrigte.
„Jetzt jedenfalls nicht“, sagte sie, eine Spur Bitterkeit in ihrer Stimme. „Es geht genauso weiter.“ Es war eine trockene Feststellung, die sie machte, eine, die mit gerade so vielen Emotionen einherging, dass die grausamen Fakten nicht an ihrer inneren Festung rüttelten. Einen Zusammenbruch konnte sie sich nicht leisten, sie wurde schließlich gebraucht.
In Charlottes Kopf wirbelten die Aufgaben, die sie in nächster Zeit zu bewältigen haben würde, in einem heillosen Chaos durcheinander, bevor sie sie schließlich nach Dringlichkeit zu ordnen begannen.
Wenn Hamburg brannte, würden neue Flüchtlingsströme die Ostseeküste erreichen. Sie fragte sich zwar, wie all diese armen Menschen untergebracht werden sollten, doch sie hatte es sich längst abgewöhnt, um Rat zu fragen oder den fortwährenden Zustand zu beklagen.
Entweder hörte niemand zu oder es gab schlicht und ergreifend keine Antworten. Das Einzige, was feststand, war, dass es weitergehen musste.
„Ich mache mich besser auf den Rückweg“, murmelte Charlotte und ließ sich von Anton die Holzkiste auf die Unterarme hieven.
„Ich würde dir gern helfen, aber der Laster …“ Er legte die Stirn in Falten. „Du weißt ja, wie dringend wir ihn brauchen. Ich muss mich darum kümmern.“
Charlotte schüttelte den Kopf. „Mach dir um mich keine Sorgen, ich schaff das schon.“
Er schenkte ihr ein schiefes Lächeln, nickte und hielt die Ladentür auf.

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Autorinnenporträt von Christel Netuschil
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Die Autorin

Über Christel Netuschil

Christel Netuschil, Jahrgang 1978, ist ausgebildete Krankenschwester und lebt mit ihrer Familie am Niederrhein.

Schon als Kind hat sie mit dem Schreiben von Kurzgeschichten begonnen und später Erwachsene wie Kinder dabei begleitet, Worte für das zu finden, was oft schwer auszusprechen ist: Gedanken, Wünsche, Ängste und innere Bilder.

Schreiben bedeutet für sie, Erfahrungen einen Raum zu geben und sie erlebbar zu machen. Dabei ist es ihr wichtig, den Schleier des Offensichtlichen zu lüften und jene Umstände miteinzubeziehen, die ein Leben prägen.

Nach ersten Veröffentlichungen von Kurzgeschichten und Erzählungen widmet sie sich seit 2021 dem Schreiben von historischen Romanen und Familiensagas über starke Frauen und ihre Lebenswege. Im Zentrum ihrer Geschichten stehen die Liebe in all ihren Facetten sowie die Frage, wie Menschen mit dem umgehen, was ihnen widerfährt.

„Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Sie entstehen aus allem, was mich berührt, und sie aufschreiben zu können, ist für mich eine Art Lebenselixier.“

Christel
Langjährige Autorin Historische Romane Niederrhein